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Ein "Beinnahe-Sesshin"

Mit dem Zen Lab Leipzig organisierten wir uns erstes Retreat - im Zentrum der Choka Sangha im niedersächsischen Steyerberg. Tatsudo Baden Roshi leitete die vier "intensiven" Tage unseres Retreats - auf welche zwei "Integrationstage" folgten. Über das Experiement eines Retreats an einem fremden Ort, das Füllen der Leerheit mit Form und einer Begegnung mit Alpacas berichtet David.



‍‍Ein unquartiertes Feld

‍"Wir sollten lernen, die Formen von innen heraus zu erleben" begann Tatsudo Baden Roshi am ersten Tag des Retreats ihren Vortrag. Im Zentrum der Choka Sangha befanden wir uns alle an einem - für uns - fremden und neuem Ort. "Die Besonderheit dieses Retrats liegt darin, dass wir ein unbekanntes Feld vorfinden, ein Feld, das wir uns zu eigen machen und in dem wir gemeinsam etwas entwickeln können", meinte Tatsudo Baden Roshi. Und so fühlte es sich für uns an. Anders als im ZBZS kannten wir den täglichen Ablauf, die Orte und den Rhytmus noch nicht. Alles war neu, viele Fragen kamen auf. Und natürlich stellte sich auch die Frage, ob wir die uns bekannten Abläufe, wie wir sie aus der Tradition kennen, übernehmen sollten. Warum genau machen wir diese Formen? Warum diese Rezitation? Warum eigentlich dieses frühe Aufstehen? (Eigentlich bin ich nur müde... !).


"Mit irgendeiner Form müssen wir die Leerheit ja füllen", sagte Tatsudo Baden Roshi mal scherzhaft zu mir. Und tatsächlich war es gar nicht so viel mehr als das - und gleichzeitig war genau das von Bedeutung. Wir füllten die Leerheit mit Formen und lernten während des Füllens die Formen kennen. Immer wieder hielt Tatsudo Roshi während der Rezitation inne und erklärte uns eine innere Haltung zur Rezitation oder weshalb wir uns in die eine oder andere Richtung verbeugen würden.



Blau, Blau und Erwachen

‍Überrascht war ich zunächst darüber, wie gut die Gruppe sich in den Formen und im Takt des Retreats zurecht fand. Überrascht war ich später, wie wir als Gruppe in den Formen aufgingen. Während wir in der Rezitation die ersten Tage fremdelten - es ähnelte einem unbekanntem Schauspiel mit japanischem Text und eigenartigen Abfolgen - so entwickelten wir die Rezitation mehr und mehr als "unsere" Übung. Tatsudo Baden Roshi verwies uns auf die Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung während der Rezitation und erläuterte manchmal auch die Texte. "Dai Hi Shin Darani" beispielsweise sei bewusst eine recht inhaltsarme Wiedergabe von Lauten. "Es wird viel von blau gesprochen, nochmal von blau und von Erwachen". Die sogenannten "Dharanis" hätten, anders als die Sutren, keine tiefere Bedeutung, sondern seien eher als Mantras zu verstehen. Ich war überrascht darüber, wie laut die Rezitationen wurden, wie sehr wir uns als Gruppe dem annahmen. Und mir persönlich wurde eine Bedeutung der Formen für meine Praxis noch stärker bewusst: Als ein Element, das trägt, ein Element, in dem wir uns fallen lassen können.


Die Natur und besondere Umgebung in Steyerberg - das Zentrum der Choka Sangha befindet sich mitten im Wald - bezog Tatsudo Baden Roshi während Vorträge immer wieder mit ein. Wirklich verbunden mit anderen Menschen und der Natur seien wir nur, wenn wir die Dinge nicht als 'Entitäten' sähen. Verbindung entstehe in den überlappenden Bereichen.



‍Integrationstage und Alpacas

‍Besonders war für mich, welche Nähe und Intimität wir in dieser kurzen Zeit entwickelten und wie intensiv manche Erfahrungen in vier Tagen Stille wurden, trotz oder gerade wegen des so nahen räumlichen Beisammenseins. Der Großteil der Teilnehmenden schlief im Zendo und wir alle hielten uns meistens zwischen Zendo, Küche und den Bädern auf. Nach der geplanten Abreise von Tatsudo Roshi nach vier intensiven Meditationstagen verbrachten wir noch zwei gemeinsame "Integrationstage" als Gruppe vor Ort. Der Zeitplan war leicht reduziert, wir nahmen "achtsame Mahlzeiten" anstatt Oryoki zu uns und versuchten, einen bewussten Übergang in unsere Alltagswelt zu schaffen. Tatsudo Baden Roshi gab vor ihrer Abfahrt dazu und für die Integration zu Hause einige Hinweise: Beispielsweise bewusst "Null-Punkte" während des Tages zu setzen. Momente, in denen man sich kurz Zeit nimmt und sich innerlich leer macht, Dinge einfach auf sich wirken lässt. "Ihr könnt euch auch einen Timer oder einen Reminder auf dem Handy stellen, das kann helfen", gab sie uns als praktischen Hinweis mit auf den Weg.


In Erinnerung bleiben uns, neben der Aufregung eines solchen Gruppenexperiments, vor allem die Umgebung und die Spaziergänge. Bei unsereren mittaglichen Ausflüge durch den Lebensgarten begegeten wir Pferden, manchmal Hunden und schließlich Alpacas (!). Als wir uns letzteren näherten, schienen diese überraschender Weise ähnlich interessiert an uns, wie wir an ihnen. Langsam bewegten wir uns in Richtung des Zaunes, der uns und die Alpacas trennte, und kamen als Gruppe zum Stehen. Auch die Tiere stoppten für einen Moment. "Gar nicht so unähnlich", dachte sich vielleicht manch eine:r oder manch eines - Verbindung entsteht in einem überlappenden Bereich.


Besonders berührte mich ein "Hot-Drink-Statement", ein Gedicht von Tatsudo Baden Roshi nach unserem ersten Retreat-Tag: ‍


"Zazen sieht dich Zazen kennt dich Ein Raum wie dieser, so eine uralte Halle, schaut ganz direkt in dein ursprüngliches Gesicht Wissen, Nicht-Wissen, nahe an was? All diese Gedanken, sie denken, sie wissen, ohne zu wissen, was sie denken, nicht wissend, was sie nicht wissen. Doch dieser Wald, vor allem bei Nacht, der Wald kennt dich Der Wald sieht dich Der Wald blickt direkt in dein ursprüngliches Gesicht."

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